Wenn nicht immer du das Problem bist

Erkennst du dich darin vielleicht auch wieder?

  • Nach einem Streit fragst du dich zuerst, was du falsch gemacht hast.
  • Du arbeitest an deinen Mustern, deinen Triggern und deinen Reaktionen.
  • Du versuchst verständnisvoller, gelassener oder weniger empfindlich zu werden.
  • Und trotzdem geht es dir in einer bestimmten Beziehung, Freundschaft oder Lebenssituation immer wieder schlecht.

Selbstreflexion kann unglaublich wertvoll sein. Zu erkennen, welchen Anteil wir selbst an Konflikten oder wiederkehrenden Problemen haben, gibt uns die Möglichkeit, etwas zu verändern. Doch irgendwann darf auch eine andere Frage auftauchen: Was, wenn nicht alles in mir gelöst werden muss, sondern etwas im Außen tatsächlich nicht zu mir passt?

Wenn Selbstreflexion zur Selbstschuld wird

„Schau auf deinen Anteil“ ist grundsätzlich ein hilfreicher Gedanke. Doch er kann auch dazu führen, dass wir irgendwann für alles die Verantwortung bei uns suchen. Der Partner verletzt mich, vielleicht bin ich zu empfindlich. Die Arbeit macht mich dauerhaft unglücklich, vielleicht muss ich an meiner Einstellung arbeiten. Eine Freundschaft kostet mich immer mehr Kraft, vielleicht erwarte ich einfach zu viel. Natürlich können all diese Gedanken einen wahren Kern haben. Aber eben nicht immer. Manchmal ist eine Situation tatsächlich belastend. Manchmal überschreitet jemand unsere Grenzen. Und manchmal passen zwei Menschen, ein Arbeitsplatz oder bestimmte Lebensumstände schlicht nicht mehr zu uns.

Nicht jedes unangenehme Gefühl ist ein „Thema“, das du bearbeiten musst

Wir leben in einer Zeit, in der viel über persönliche Entwicklung, Trigger und innere Arbeit gesprochen wird. Das kann hilfreich sein, gleichzeitig entsteht schnell die Vorstellung, dass wir nur genügend an uns arbeiten müssten, um mit allem zurechtzukommen. Doch psychische Gesundheit bedeutet nicht, irgendwann alles aushalten zu können. Vielleicht macht dich ein bestimmtes Verhalten nicht deshalb traurig, weil du noch nicht „geheilt“ bist. Vielleicht macht es dich traurig, weil es dich verletzt. Vielleicht bist du nicht zu sensibel. Vielleicht wird gerade tatsächlich eine Grenze überschritten.

Die entscheidende Frage: Was liegt bei mir – und was nicht?

Selbstreflexion bedeutet nicht, automatisch die Schuld bei sich zu suchen. Sie bedeutet, ehrlich hinzuschauen: Was ist mein Anteil? Was kann ich verändern? Was habe ich vielleicht schon versucht?Und was liegt außerhalb meiner Verantwortung? Gerade der letzte Punkt wird häufig vergessen. Du kannst an deiner Kommunikation arbeiten, aber du kannst niemanden dazu bringen, dir zuzuhören. Du kannst deine Bedürfnisse klar äußern, aber du kannst niemanden zwingen, sie ernst zu nehmen. Du kannst an dir arbeiten, aber du kannst eine Beziehung nicht allein verändern.

Übung: Habe ich wirklich noch etwas zu bearbeiten?

Denke an eine Situation, die dich immer wieder belastet, und frage dich: Was ist tatsächlich mein Anteil daran? Was habe ich bereits versucht oder verändert? Übernehme ich gerade Verantwortung für etwas, das eigentlich beim anderen liegt? Und schließlich: Wenn ich nicht davon ausgehen würde, dass ich mich verändern muss – was würde ich dann über diese Situation denken? Vielleicht lautet die Antwort weiterhin: Ich möchte etwas an mir verändern. Vielleicht lautet sie aber auch: Ich bin nicht das Problem, das hier gelöst werden muss. Beides darf sein.

Gedankenarbeit mit piKVT & The Work

Gedanken wie „Ich muss gelassener werden“, „Ich bin zu empfindlich“ oder „Wenn ich nur genug an mir arbeite, wird unsere Beziehung besser“ können dazu führen, dass wir immer wieder bei uns nach einem Fehler suchen. In der Arbeit mit piKVT und The Work geht es darum, auch solche Gedanken zu überprüfen. Nicht jede Selbstkritik ist automatisch Selbstreflexion. Manchmal besteht die Veränderung gerade darin, die eigene Wahrnehmung ernst zu nehmen und Verantwortung dort zu lassen, wo sie hingehört.

Zum Mitnehmen

An sich selbst zu arbeiten kann unglaublich wertvoll sein. Aber persönliche Entwicklung bedeutet nicht, dich so lange zu verändern, bis du mit allem zurechtkommst. Du darfst: deinen eigenen Anteil erkennen Verantwortung übernehmen an dir arbeiten und trotzdem feststellen, dass etwas im Außen nicht stimmt. Manchmal besteht Wachstum darin, sich selbst zu hinterfragen. Und manchmal besteht Wachstum darin, damit aufzuhören. Wenn du immer wieder bei dir selbst nach dem Fehler suchst und nicht mehr weißt, welcher Anteil wirklich bei dir liegt, begleite ich dich in meiner Praxis in Ulm gerne dabei, wieder mehr Klarheit und Vertrauen in die eigene Wahrnehmung zu entwickeln.