Wenn deine Gefühle dich überrollen

Vielleicht kennst du das auch:

Eine eigentlich kleine Bemerkung trifft dich so sehr, dass du noch Stunden später damit beschäftigt bist. In einem Streit wirst du plötzlich so wütend oder emotional, dass du Dinge sagst, die du später bereust. Traurigkeit, Enttäuschung oder Zurückweisung fühlen sich manchmal überwältigend an. Du weißt eigentlich, dass deine Reaktion sehr stark ist, kannst sie in diesem Moment aber kaum beeinflussen. Gefühle können intensiv sein. Manchmal so intensiv, dass wir das Gefühl haben, ihnen ausgeliefert zu sein. Während andere eine Situation scheinbar schnell abhaken, beschäftigt sie uns noch Stunden oder sogar Tage. In der Psychotherapie spricht man in diesem Zusammenhang häufig von Emotionsregulation, also unserer Fähigkeit, mit Gefühlen umzugehen, ohne sie unterdrücken zu müssen oder vollständig von ihnen mitgerissen zu werden.

Warum manche Gefühle so stark werden

Wie intensiv wir auf eine Situation reagieren, hängt nicht nur davon ab, was gerade passiert.
Frühere Erfahrungen, Stress, Schlafmangel, aktuelle Belastungen oder alte Verletzungen können beeinflussen, wie empfindlich unser inneres System gerade reagiert. Deshalb kann dieselbe Bemerkung an einem Tag kaum etwas mit uns machen und uns an einem anderen völlig aus der Bahn werfen. Das bedeutet nicht automatisch, dass wir „überreagieren“. Unsere Reaktion hat häufig einen Hintergrund, auch wenn dieser im ersten Moment nicht sichtbar ist.

Gefühl und Handlung sind nicht dasselbe

Ein wichtiger Schritt im Umgang mit starken Emotionen ist die Erkenntnis: Du darfst jedes Gefühl haben, aber du musst nicht aus jedem Gefühl heraus handeln. Du darfst wütend sein, ohne jemanden anzugreifen. Du darfst verletzt sein, ohne sofort eine Beziehung infrage zu stellen. Du darfst Angst haben, ohne unmittelbar eine Entscheidung treffen zu müssen. Zwischen einem Gefühl und unserer Reaktion darauf kann ein kleiner Raum entstehen. Genau dieser Raum lässt sich lernen und vergrößern.

Wenn Gefühle zum Problem werden

Starke Gefühle allein sind keine psychische Erkrankung. Es lohnt sich jedoch, genauer hinzuschauen, wenn sie regelmäßig sehr intensiv auftreten, lange anhalten oder dazu führen, dass Beziehungen, Arbeit oder Alltag darunter leiden. Vielleicht entstehen immer wieder heftige Konflikte. Vielleicht ziehst du dich vollständig zurück. Oder du handelst impulsiv und bereust später, was du getan oder gesagt hast. Dann geht es nicht darum, „weniger zu fühlen“, sondern einen anderen Umgang mit diesen Gefühlen zu entwickeln.

Gefühle wegzudrücken ist nicht dasselbe wie sie zu regulieren

Viele Menschen versuchen, unangenehme Gefühle möglichst schnell loszuwerden. Sie lenken sich ab, funktionieren weiter oder sagen sich: „Ich darf mich jetzt nicht so anstellen.“ Doch Emotionsregulation bedeutet nicht, Gefühle wegzumachen. Es bedeutet zunächst wahrzunehmen: Da ist gerade Wut. Da ist gerade Traurigkeit. Da ist gerade Angst. Und nicht sofort etwas daraus machen zu müssen. Manchmal verliert ein Gefühl bereits an Intensität, wenn wir aufhören, dagegen anzukämpfen.

Übung: Erst fühlen, dann handeln

Wenn du das nächste Mal merkst, dass ein Gefühl sehr stark wird, versuche nicht sofort, die Situation zu lösen. Halte kurz inne und frage dich: Was fühle ich gerade? Was hat dieses Gefühl ausgelöst?
Was möchte ich gerade impulsiv tun? Und anschließend: Muss ich darauf jetzt reagieren oder kann meine Entscheidung warten, bis das Gefühl etwas abgeklungen ist? Gerade bei starken Emotionen kann es hilfreich sein, wichtige Nachrichten, Entscheidungen oder Auseinandersetzungen auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben.

Gedankenarbeit mit piKVT & The Work

Gefühle entstehen häufig nicht allein durch eine Situation, sondern auch durch die Gedanken und Bewertungen, die damit verbunden sind. Aus einer kurzen Nachricht kann der Gedanke entstehen: „Ich bin ihr nicht wichtig.“ Aus Kritik: „Ich mache immer alles falsch.“ Aus einem Streit: „Unsere Beziehung funktioniert nicht.“ In der Arbeit mit piKVT und The Work können wir solche Gedanken genauer betrachten und überprüfen, welchen Anteil sie an der Intensität unserer Gefühle haben.
Dabei geht es nicht darum, Gefühle wegzudenken. Sondern darum, besser zu verstehen, was gerade in uns passiert.

Zum Mitnehmen

Starke Gefühle machen dich nicht schwach und auch nicht automatisch psychisch krank.
Entscheidend ist vielmehr, wie sehr sie dein Leben bestimmen. Du musst nicht lernen, weniger zu fühlen. Du kannst lernen, Gefühle wahrzunehmen, ihnen Raum zu geben und trotzdem selbst zu entscheiden, wie du handeln möchtest. Du bist nicht dein Gefühl. Und nicht jedes Gefühl verlangt sofort eine Reaktion. Wenn du merkst, dass intensive Gefühle deinen Alltag, deine Beziehungen oder dein Wohlbefinden immer wieder stark beeinträchtigen, begleite ich dich in meiner Praxis in Ulm gerne dabei, deine emotionalen Reaktionen besser zu verstehen und neue Möglichkeiten im Umgang damit zu entwickeln.